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Mittel- und langfristige Exportfinanzierung – ein Praxisleitfaden (Teil 1)

Anbieter Exportfinanzierung

Mittel- und langfristige Exportfinanzierung: Überblick und Darstellung wesentlicher Instrumente in Form eines Praxisleitfadens

Globalisierung und Internationalisierung kennzeichnen die derzeitige ökonomische Entwicklung. Damit Produkte weltweit optimal vermarktet werden können, ist neben Preis und Qualität des Exportgutes die mitangebotene Finanzierung zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden.

Diese gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass

  • Ein stetig wachsender Anteil der deutschen Exporte in die sog. „Emerging Market“-Länder erfolgt. Die dort zumeist noch schwach entwickelte Bankensysteme bzw. überproportional hohe Zinsen erschweren es dem Abnehmer (Käufer) vor Ort, sich die notwendige, langfristige Finanzierung für das Exportgut zu beschaffen;
  • Die in einige Ländern vorherrschende Devisenknappheit die Kreditaufnahme im Ausland erfordern um die Forderungen in Währung des Exporteurs zu begleichen;

Neben einem konkurrenzfähigen Produkt gehört für jedes international tätige Unternehmen auch ein entsprechendes Know-how im Bereich der Exportfinanzierung zur Basis um sich langfristig Erfolgspotentiale im Ausland zu sichern.

Hierzu sollte unsere Reihe an entsprechenden praxisorientierten Blog-Artikeln zum Thema Exportfinanzierung beitragen.

Was ist mittel- und langfristige Exportfinanzierung?

Davon wird dann gesprochen, wenn in Verbindung mit dem Kauf langlebiger Wirtschaftsgüter ein Zahlungsziel durch den Exporteur (sog. Lieferantenkredit) bzw. eine liefergebundene Krediteinräumung durch eine Bank vorgesehen ist. Dabei sind unter langlebigen Wirtschaftsgütern Güter mit einer Nutzungsdauer von über 2 Jahren gemeint. Aber auch mit dem Export verbundene Leistungen, wie z.B. Bauleistungen, Montagearbeiten, Schulungen, Engineering- und Consultingleistungen können langfristig finanziert werden.

Noch vor 50 Jahren wurde der Exporteur finanziert – sprich der Verkäufer war der Kreditnehmer. Heutzutage werden Kredite an Importeur – d.h. Käufer – direkt vergeben. Dabei spricht man vom Bestellerkrediten oder Finanzkrediten. Diese direkte Kreditvergabe an Käufer ermöglicht es dem Verkäufer / Exporteur eigene Kreditlinien zu schonen und damit den Finanzierungsspielraum für eigene Investitionen zu erhalten.

Bausteine der Exportfinanzierung

  • Forfaitierung
  • „Single-Sourcing“
  • Handelsfinanzierung
  • Hermes / ECA gedeckte Exportfinanzierung
  • Hermes / ECA gedeckte Projektfinanzierung
  • Rahmenkreditverträge
  • Multi-Sourcing (d.h. Bildung von Finanzierungspaketen aus mehreren Ländern in Abhängigkeit von gewünschter Liefer- und Leistungsstruktur)

Risikoabsicherung durch Bundesdeckung (HERMES-Kreditversicherungs-AG)

Insbesondere bei Geschäften mit schwierigen Abnehmerländern können Exporteure, die ein Zahlungsziel einräumen müssen, oder Banken, die einen Bestellerkredit herauslegen, an einer Absicherung der im Ausland liegenden politischen und wirtschaftlichen Risiken interessiert sein. Diese Absicherungsfunktion wird in allen wichtigen Industrieländern durch staatliche Exportkreditversicherungsagenturen wahrgenommen.

In Deutschland kann zur Absicherung der Risiken im Zusammenhang mit Ausfuhrgeschäften sowie den damit verbundenen Finanzierungen eine Gewährleistung des Bundes beantragt werden. Die Abwicklung dieser Gewährleistungen wurde von der Bundesregierung auf ein Konsortium, bestehend aus Euler Hermes-Kreditversicherungs-AG in Hamburg sowie PWC (PricewaterhouseCoopers) in Hamburg übertragen. Dabei obliegt die Federführung Euler Hermes (“HERMES”).

In anderen Ländern bearbeiten folgende Organisationen Anträge auf Risikoübernahme im Zuge der Exportfinanzierung:

  • Österreich: OeKB
  • Tschechische Republik: EGAP
  • Frankreich: COFACE
  • Italien: SACE
  • Spanien: CESCE
  • Schweden: EKN
  • Großbritannien: ECGD
  • Belgien: OND
  • Finnland: FGB
  • Niederlande: NCM
  • Südafrika: Credit Guarantee (CG)
  • Schweiz ERG
  • USA: US-Exim

Die Entscheidung über die Übernahme von Ausfuhrgewährleistungen wird im sog. Interministeriellen Ausschuss, kurz IMA genannt, unter Federführung des Wirtschaftsministeriums getroffen. Neben Vertretern von HERMES und des Bundesressorts (Wirtschafts-, Finanzministerium, Auswärtiges Amt und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sind in diesem Ausschuss auch Sachverständige aus der Exportwirtschaft und den Exportfinanzierungsbanken vertreten.

Geschäft mit kleineren Volumina können unter Umständen auch direkt durch die HERMES-internen Gremien oder den sog. „kleinen IMA“ entscheiden werden.

Welche Risiken sichert HERMES ab?

Deckungen werden in Abhängigkeit von der Förderungswürdigkeit sowie unter Abwägung des Nutzens für die deutsche Wirtschaft getroffen. Dies erfolgt nach dem Prinzip der einheitlichen Deckung, d.h. politische Risiken (Länderrisiken) als auch wirtschaftlichen Risiken (Bonitätsrisiken im Zusammenhang mit dem Kreditnehmer / Abnehmer) werden grundsätzlich gemeinsam abgesichert.

Als politische Risiken im Zusammenhang mit der Deckung der Exportfinanzierung gelten:

  • Sog. Allgemeiner politischer Schadensfall / Unmöglichkeit der Vertragserfüllung: gesetzgeberische / behördliche Maßnahmen (z.B. Embargo, Moratorium) sowie Krieg, Revolution, Aufruhr
  • Verbot der Konvertierung der Währung oder des Transfers
  • Warenverlust vor Gefahrenübergang: Durch Beschlagnahme, Vernichtung oder Beschädigung
  • Nichtzahlung: Der Bund erkennt die Uneinbringlichkeit der Forderung dann an, wenn die versicherte Forderung innerhalb von 6 Monaten nicht erfüllt worden ist und der Exporteur die nach den Regeln der kaufmännischen Sorgfalt erforderlichen Maßnahmen zur Einziehung der Forderung ergriffen hat

Als wirtschaftliche Risiken im Zusammenhang mit der Deckung der Exportfinanzierung gelten gelten:

  • Konkurs / erfolglose Zwangsvollstreckung
  • Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse
  • Nichtzahlung innerhalb von 6 Monaten (s. analog zu politischen Risiken)

In Abhängigkeit vom zeitlichen Ablauf des Liefergeschäftes bzw. der verbundenen Exportfinanzierung findet eine Differenzierung in drei Deckungsstufen statt:

  • Fabrikationsdeckung: Zur Absicherung des Zeitraums zwischen Produktionsbeginn bis Auslieferung; Antragsteller und Deckungsnehmer ist der Exporteur; Der Selbstbehalt beträgt bei Fabrikationsrisiko 5%.
  • Ausfuhrdeckung: Zur Absicherung des Zeitraums zwischen Lieferung und Zahlungseingang. Antragsteller und Deckungsnehmer ist der Exporteur; Der Selbstbehalt beträgt 5% bei politischen Risiken und 15% bei Nichtzahlungs- und Insolevenzrisiken
  • Finanzkreditdeckung: Zur Absicherung des Zeitraumes zwischen Aus- und Rückzahlung. Sofern anstelle eines Lieferantenkredites ein Besteller- / Finanzkredit einer Bank vorgesehen ist, so ist der Antragseller und Deckungsnehmer die finanzierende Bank. Der Selbstbehalt beträgt idR 5% (Ausnahme: Flugzeuge / Rückversicherungen)

 

Tipp: Generell ist unbedingt darauf zu achten, dass der entsprechende Deckungsantrag vor Risikobeginn    gestellt  werden muss! 
Tipp bzgl. Fabrikationsrisiko: Der Abschluss einer Fabrikationsrisikodeckung empfiehlt sich immer   dann,  wenn es    sich bei dem Liefergut um individuelle Einzelfertigungen oder nur schwer zu                 vermarktende Anlagen handelt.

Zusätzlich zu den vorgenannten Deckungsformen werden von HERMES eine Vielzahl von Sonderdeckungen und Nebendeckungen, z.B. für Projektfinanzierungen, Leasinggeschäfte oder Bauleistungen angeboten. Von besonderer Bedeutung können auch die „Garantien für Kapitalanlagen im Ausland“ sein, in deren Rahmen Eigenkapitaleinbringungen bei Tochter- oder Joint-Venture-Gesellschaften im Ausland sowie nachrangige Darlehen zu 95% gegen politische Risiken abgesichert werden können.

Welche Risiken sichert HERMES NICHT ab?

Trotz der HERMES-Deckung können seitens des Exporteurs Verluste entstehen, die nicht entschädigt werden, insbesondere wenn:

  • nicht vertragsmäßig geliefert wurde und der Abnehmer (Käufer) die Zahlung verweigert;
  • bei Antragstellung in wichtigen Punkten fehlerhafte oder unvollständige Angaben gemacht wurden;
  • für die Eintreibung der Forderung erforderliche in- oder ausländische Genehmigungen fehlen oder ungültig sind;
  • der Exporteur seiner Informationspflicht gegenüber HERMES grob fahrlässig oder vorsätzlich nicht nachgekommen ist.

Ihr Problem  – unsere Lösung

finaboo bietet Ihnen Informationen und Mitwirkung bei der Auswahl des richtigen Finanzierungspartners für Exportfinanzierung. Neben der Strukturierung und Abwicklung klassischer mittel- und langfristiger Exportfinanzierungen werden wir für Sie noch die Instrumente der kurzfristigen Handelsfinanzierung und Forfaitierung bis hin zu strukturierten Finanzierungen und Multi-Source-Finanzierung prüfen und dafür geeigneten Finanzierungspartner vorschlagen.